image
image image image
image

image
image image image image

Vom Nachwuchs gut beraten

 

Von Nina Trentmann

Studentische Unternehmensberatungen werden professioneller und erfolgreicher. Auch namhafte Unternehmen setzen mittlerweile auf studentische Expertise.

„Die von WIP? Da können Sie lange warten, die sind nie da“, raunzt ein vorbeihuschender Dozent dem Besucher zu. So, so, die studentischen Unternehmensberater machen sich also einen faulen Lenz, deshalb ist das Büro von „Wissenschaft in der Praxis“ zu. Als Patrick Schwan und Ann-Isabell Hnida wenig später kommen und die Tür des WIP-Büros an der Universität Duisburg-Essen öffnen, wird klar, warum „die nie da sind“: Das Büro ist eng und schäbig, auf der Fensterbank dämmern einige alte Rechner vor sich hin, mehr als drei Leute kann das Büro nicht ertragen. Doch der Schein trügt: Die studentischen Unternehmensberater von „Wissenschaft in der Praxis“ führen kein Schattendasein. Ganz im Gegenteil: Seit etwa einem Jahr boomt die Beratung, die Aufträge mehren sich merklich. Die Berater von WIP arbeiten aber lieber zu Hause - oder gleich in den Büros ihrer Kunden.

Nicht nur bei WIP in Duisburg geht es aufwärts – studentische Unternehmensberatungen in ganz Deutschland verzeichnen steigende Auftragszahlen. Die Branche wird immer professioneller, auch große Firmen vertrauen inzwischen den jungen Consultants. Nicht nur die Unternehmen profitieren: Mit ihren Erfahrungen, die sie schon während des Studiums in der Unternehmensberatung machen, sind viele Absolventen ihren Konkurrenten um Längen voraus.

„Die meisten von uns finden sofort einen Job“, erklärt Patrick Schwan, erster Vorstand von WIP in Duisburg. Im Schnitt bleiben die Studenten zwei bis drei Jahre, bis sie sich nach Abschluss ihres Studiums auf einen Job bewerben. „Die Unternehmen hoffen, bei uns die Elite zu finden“, sagt Ann-Isabell Hnida, International Manager von WIP. Denn egal ob Portfolioanalyse, Insolvenzberatung oder Businessplan – was der BWL-Student sonst nur grob aus der Vorlesung kennt, haben die 30 Mitarbeiter von „Wissenschaft in der Praxis“ schon im eigenen Projekt kennengelernt. „Vieles wird im Studium nur oberflächlich behandelt“, weiß die BWL-Studentin Ann-Isabell, „das muss man im Job alles vertiefen.“ Sie musste kürzlich für ein Projekt einen Business-Plan erstellen, mit genauen Zielvorgaben und einer schön anschaulichen Grafik. „Da sitzt man dann schon mal die ganze Nacht dran“, sagt Hnida, die sich den Großteil selber beibrachte. Sie kann in einigen Jahren sehr viel selbstbewusster in ihren Job starten, denn sie hat nicht nur gute Noten, sondern auch bereits Berufserfahrung anzubieten. Drei ihrer ehemaligen Kollegen haben sich inzwischen mit der Unternehmensberatung „Gastro“ selbstständig gemacht, die Berufserfahrung machte den Sprung in die Selbstständigkeit um einiges leichter.

Auch die studentische Unternehmensberatung Campus Consult aus Paderborn konnte im vergangenen Jahr ihren Umsatz deutlich steigern. 120 Studenten beackerten 100 Aufträge, 50 Kunden ließen sich an umgerechnet 5000 Tagen beraten. Darunter sind so prominente Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Post, Wincor Nixdorf oder Gildemeister. Anders als WIP ist Campus Consult kein Verein, der für jedes Projekt eine Gesellschaft Bürgerlichen Rechts (GBR) gründen muss, sondern eine GmbH. „Das erlaubt uns, sehr viel größere Unternehmen anzusprechen“, sagt Geschäftsführer Carsten Wode. Er hat auch als studentischer Berater angefangen, ist aber inzwischen bei Campus Consult fest angestellt. „Wir haben keine Studenten mehr in der Geschäftsführung“, sagt Wode. Als Vollzeit-Geschäftsführer könne er seine Kunden sehr viel besser betreuen als seine studentischen Mitarbeiter, die wegen ihres Studiums nur in Teilzeit arbeiten können. Zehn von ihnen hat er im vergangenen Jahr in eine Festanstellung gebracht. Campus Consult hat sich im Raum Paderborn bereits einen Namen gemacht.

Bei Move in Münster bietet sich ein ähnliches Bild. Die 60 Mann starke Unternehmensberatung, alles Studenten, spürt das zunehmende Vertrauen der Unternehmen in die Fertigkeiten der Studenten. „Die Unternehmen kommen verstärkt auf uns zu. Wir werden inzwischen ernster genommen, die Kunden sind nicht mehr so skeptisch“, sagt Eva Knyrim, Vorstand für Marketing und Kommunikation. Dass die studentischen Unternehmensberatungen – im Fachjargon „Junior Entreprise“ oder abgekürzt „JE“ genannt – so viel Zuwachs haben, liegt aber nicht nur an den Fähigkeiten der Studenten. Der Preis regelt den Markt: Während etablierte Consulting-Firmen häufig pro Beratertag 1500 Euro und mehr verlangen, kosten ihre studentischen Kollegen im Schnitt 200 Euro, bei größeren Beratungen wie Campus Consult etwa 400 Euro. „Wir müssen uns klar preislich absetzen“, sagt Carsten Wode. Das geht allen studentischen Unternehmensberatungen so, auch VIA in Dortmund. Dort kostet ein Beratertag im Schnitt 300 Euro.

Etwa 40 JEs haben sich im BDSU, dem Bund Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen, zusammengeschlossen, bundesweit gibt es knapp 60 von ihnen. Alle drei Monate prüft der BDSU die Arbeit der Studenten. Wer den Kriterien genügt, bekommt ein Qualitätssiegel verliehen. So versuchen die studentischen Unternehmensberatungen, ihre Professionalität zu erhöhen – und das Vertrauen der Unternehmen zu gewinnen. „Das Thema ist stark im Kommen. Die studentischen Unternehmensberatungen etablieren sich“, sagt die BDSU-Bundesvorsitzende Sabine Eckardt. Der Umfang der Projekte sei im vergangenen Jahr deutlich größer geworden.

Die Branche wird nicht nur professioneller, sondern auch internationaler. So wird in vielen JEs der Posten des International Manager geschaffen. Auch Ann-Isabell Hnida ist International Manager, sie pflegt die Kontakte mit befreundeten studentischen Unternehmensberatungen im Ausland. Bislang bleiben die Aktivitäten von WIP aber auf Deutschland beschränkt. Delta in Karlsruhe dagegen ist die einzige deutsche JE, die eine internationale Zertifizierung hat. Sie beteiligte sich im vergangenen Jahr sogar an einem internationalen Projekt.

Nicht nur der Preis macht den Unterschied, sondern auch die Methode: „Die Studenten haben etwas weniger Erfahrung, dafür aber eine unkonventionellere Herangehensweise und keine festen Schemata“, sagt Sabine Eckardt vom BDSU. Viele große Unternehmensberatungen hätten inzwischen ein Standardprogramm für ihre Kunden entwickelt, sagt Ann-Isabell Hnida. „Wir suchen für jeden Kunden eine eigene Lösung. Ich will einen Tick besser sein als alle anderen“, sagt die 21-Jährige. Sie hat den Anspruch, mindestens genauso gut wie die professionellen Berater zu sein. Das ist mit Einbußen an anderer Stelle verbunden: Während die Kommilitonen den Tag bei einem gemütlichen Bier ausklingen lassen, setzt Ann-Isabell oft genug vor dem Rechner. „Da steckt halt mein Herzblut drin“, sagt sie und lächelt.

Hilfestellung gibt es für die Studenten nur im Ausnahmefall. „Ich bin der Ansprechpartner, wenn es Probleme gibt“, sagt Prof. Dr. Volker Breithecker, Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Ansonsten sind die Studenten auf sich gestellt. Auf jedes neue Projekt, das WIP akquiriert, müssen sich die Mitarbeiter bewerben. Je nach Vorerfahrung stellt der Vorstand dann eine Gruppe aus Studenten zusammen, die ein Projekt gemeinsam bearbeiten, selbstständig und ohne Anleitung durch den Vorstand.

Doch auch hier hat jede studentische Unternehmensberatung ihre eigene Philosophie: Während WIP sogar ermuntert, Kontakt zum Professor aufzunehmen, sollen die Studenten bei Move in Münster alles alleine machen. „Die Studenten sollen schon den Sprung ins kalte Wasser wagen“, erklärt Eva Knyrim. Offenbar zahlen sich beide Herangehensweisen aus.



» Zurück zur Startseite
image
image