image
image image image
image

image
image image image image

Klotzen statt Kleckern

 

Verglichen mit den Finanztöpfen amerikanischer Elite-Unis sind die Fördermilliarden der deutschen Exzellenzinitiative nur ein Kleckerbetrag. Wer zur Spitze gehören will, muss Spenden eintreiben, kommentiert Christine Brinck

Stanford, im Herbst. Kann man Elite, oder wie es neuerdings verschämt heißt: Exzellenz, mit Geld kaufen? 1,9 Milliarden Euro stehen für die Hochschulen im Rahmen der Exzellenzinitiative, verteilt über fünf Jahre, zur Verfügung. Wow! hat da mancher gedacht, als diese Summe noch in der rot-grünen Regierung ausgelobt wurde: Das ist viel Geld. Viel?

In die Praxis umgesetzt heißt das: Etwa deutsche 40 Graduiertenkollegs erhalten jeweils durchschnittlich eine Million Euro pro Jahr. Das klingt schon nicht mehr so toll. Für die Exzellenzcluster, davon gibt es ebenfalls etwa 30, stehen durchschnittlich 6,5 Millionen pro Jahr zur Verfügung und für die Förderung von Zukunftskonzepten zum Ausbau universitärer Spitzenforschung sind insgesamt pro Jahr 210 Millionen eingeplant. Viel Geld?

Die amerikanische Spitzenuniversität Harvard sitzt, daran gemessen, auf einem Berg von Gold: Fast 30 Milliarden Dollar umfasst ihr gigantisches Stiftungskapital. Das kalifornische Stanford hinkt als Nr. 3 (hinter Yale) mit mageren 15 Milliarden etwas hinterher, es folgen die üblichen Verdächtigen Princeton, MIT, CalTech, Columbia, Chicago, Cornell, Brown.

Das jährliche Budget der Stanford Universität mit 15.000 Studenten ist mit etwa 2,5 Milliarden Dollar höher als das aller bayerischen Universitäten, die zudem zusammen zehn mal mehr Studenten ausbilden. Und doch hat Stanford gerade eine Fundraising-Kampagne gestartet, die bis 2011 etwa 4,3 Milliarden Dollar Spenden in die Kasse der Hochschule spülen soll.

Diese unfassbar hohe Summe ist bis heute die höchste, die bei derartigen Kampagnen jemals angepeilt wurde. Freilich nur um weniges höher als die Vier-Milliarden-Kampagne, die einige Wochen zuvor von der Columbia Universität angestoßen wurde. Doch auch Yale will drei Milliarden sammeln, ebenso wie die Universität von Virginia. New York University (NYU) hat sich 2,5 Milliarden zum Ziel gesetzt, und Johns Hopkins ebenso wie die University of Chicago wollen zwei Milliarden schaffen.

1987 war Stanford die erste Universität, der es gelungen war, in einer solchen Kampagne eine Milliarde einzusammeln, gegenwärtig sind 25 Hochschulen damit beschäftigt, mindestens ebenso viel einzutreiben.

Wer sich den riesigen, gepflegten Campus von Stanford anschaut mit seinem Medizin-Komplex, seinem Computer-Science-Gebäude, seinen Labors, seinen Sportstätten und einem gerade neu gebauten Stadion mit 60.000 Plätzen, seinen Museen, seinem Baumpark und seinem Blumenschmuck, fragt sich nicht so sehr, was diese Uni noch braucht, sondern staunt, was sie alles längst besitzt. Wozu brauchen reiche Universitäten immer mehr Geld?

Seit Jahren steigen die Studiengebühren an den amerikanischen Universitäten in immer neue Höhen, in Stanford sind sie bei 32.994 Dollar pro Jahr angekommen (Harvard: 33.709 Dollar). Warum wird das viele schöne Geld nicht zur Senkung der Studiengebühren verwendet? Die Unileitungen werden nicht müde zu erklären, dass die Studiengebühren gerade mal 60 Prozent der Kosten decken und ein Teil des gesammelten Geldes ohnehin in die finanzielle Unterstützung von Studenten fließt, die wenig oder keine Gebühren zahlen. So sind etwa in Harvard Studenten, deren Eltern weniger als 40.000 Dollar im Jahr verdienen, von Gebühren befreit.

Die Liste der Projekte, die Stanford mit dem Geld realisieren will, ist beeindruckend. 500 Millionen Dollar sind für eine Gesundheitsinitiative vorgesehen, mit der bedeutende medizinische Entdeckungen schneller in neue Diagnose- und Behandlungsmethoden umgesetzt werden sollen. Ähnliche Summen sind für Initiativen im Bereich Umwelt und Erziehung - vom Kindergarten bis zum 12. Schuljahr - vorgesehen. Ein Labor zu bauen und auszurüsten ist sehr teuer. Stanford plant, einen Teil des Spendengeldes in ein neues Labor für Stammzellenforschung zu stecken.

Umwelt, Bildung, Forschung - das klingt alles ehrenhaft, aber hinter allem steckt auch der gute alte Wettbewerb. Wenn die anderen berühmten Universitäten sich ein neues Labor leisten, will man nicht zurückbleiben. Denn alle Unis kämpfen miteinander um die besten Studenten, die besten Professoren und die besten Forschungsaufträge.

Wenn Harvard und Yale immer bessere Business Schools haben, dann kann Stanford nicht zurückstehen. Also wird es einen neuen Business Campus entwickeln, für den Nike-Gründer Philip H. Knight schon 100 Millionen als Start-Geschenk versprochen hat. Wettbewerb hat die Top-Universitäten zu Global Leaders auf dem akademischen Markt gemacht, aber er hat auch den Graben vertieft zwischen den Top 50 und den paar tausend anderen Universitäten, die keine Milliarden-Initiativen starten können und die Masse der Studenten ausbilden müssen.

In den nächsten Jahrzehnten werden in den USA 100 Billionen Dollar von der Generation der Babyboomer an die nächste Generation vererbt werden. Die Hochschulbildung verschlingt jetzt schon einen Teil dieses Geldes, durchschnittlich 25 Milliarden Dollar private Spenden jährlich. Davon bekommen die zweijährigen Community Colleges, die etwa die Hälfte der Studenten, vor allem die bedürftigeren, ausbilden, gerade mal zwei Prozent. Peanuts nennen das die professionellen Fundraiser.

Auch wenn es langsam ein paar Community Colleges gibt, die im Fundraising die einzige Möglichkeit sehen, ihre Lehre zu verbessern und ihre Studenten finanziell großzügiger zu unterstützen, so sind sie doch allgemein auf dem Stande Europas: Sie haben jahrelang versäumt, ihre Alumni anzuzapfen, die Firmen in ihrer Nachbarschaft auf sich aufmerksam zu machen und das Fundraising zu professionalisieren.

Staaten wie Deutschland, das heute schon im internationalen Vergleich relativ wenig in die Bildung investiert, werden in Zukunft noch mehr knausern. Die Top-Universitäten Englands, allen voran Cambridge mit seiner Einer-Milliarde-Pfund-Kampagne, haben längst kapiert, dass nur mit privat eingetriebenen Geldern Hochschulen wettbewerbsfähig bleiben können. Die umgerechnet jährlich knapp 400 Millionen Euro der deutschen Exzellenzinitiative sind ein nettes Zubrot. Verglichen mit den 25 Milliarden, die jedes Jahr ganz privat in die amerikanischen Hochschulen fließen, sehen sie indes ziemlich mickerig aus. Dabei gibt es auch in Deutschland viel Geld zu vererben. Man müsste es nur richtig anzapfen.



» Zurück zur Startseite
image
image