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In Oxfords Guten Händen

 

Mit der Universität Oxford sind viele Klischees verbunden. Wirklich herausragend ist die individuelle Betreuung der 17.000 Studenten in Tutorien.
Von Felix Kusch

„Da wird doch gerne gerudert“, ist eine der typischen Antworten auf die Frage, was an der Uni Oxford besonders ist. „Lange Tradition“, „elitäre Atmosphäre“ und „viele alte Gebäude“, hört man auch gerne. Kaum jemand würde jedoch sagen: „Das Lehrsystem.“ Während all die Oxford-Stereotypen sicher mehr oder weniger zutreffend sind, macht doch wirklich erst das Lehrsystem diese Uni zu dem, was sie für Studenten und Lehrende ist: ein akademisches Mekka. Die individuelle Betreuung hat daran großen Anteil.

„Früher in der Schule habe ich nur so in fünf Prozent aller Fälle Hausaufgaben gemacht.“ Dass er in Oxford so nicht mehr durchkommen würde, war dem deutschen Studenten Till Krämer schon vor Beginn seines Studiums klar. Der Grund dafür sind die Tutorien, die Hauptlehrmethode in Oxford. „Sie sind definitiv mein akademisches Highlight hier“, schwärmt Till, der Informatik und Mathematik studiert.

Für die zwei einstündigen Treffen mit seinem Tutor pro Woche muss der 19-Jährige allerdings auch richtig ranklotzen und einen Berg von Aufgaben lösen, die vor dem Tutorium einzureichen sind. „Unsere Ergebnisse sprechen ich und ein Mitstudent dann in den Tutorien ausführlich mit unserem Tutor durch.“ Aber dabei bleibt es natürlich nicht: Die Tutoren, die allesamt Experten in ihrem Fachgebiet sind, mögen es gerade in geisteswissenschaftlichen Fächern gerne, ihre Studenten ordentlich herauszufordern und provozieren akademische Dispute manchmal geradezu. „In meinen Fächern können wir leider nicht so gut diskutieren - über Formeln streitet man in der Regel nicht - aber gerade die Philosophie-Studenten scheinen sich manchmal regelrechte Redeschlachten mit ihren Tutoren zu liefern“, sagt Till.

Was Aufgabenzettel in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern sind, sind Aufsätze in geisteswissenschaftlichen Fächern. Zwei davon schreiben die Jungakademiker in der Regel pro Woche. Die Informationen für diese Essays müssen die Studenten dabei komplett selber zusammentragen und das Recherchieren und Schreiben ist für die angehenden Geisteswissenschaftler schon manchmal schwer zwischen Vorlesungen und anderen Verpflichtungen unterzubringen. Da bleibt nur ein Ausweg: Nachtarbeit.

„Ich habe mir hier schon so manche Nacht um die Ohren geschlagen und man hört, dass das selbst Studenten passiert, die nur Essays schreiben müssen“, erzählt Till. Das späte Schuften an akademischen Aufsätzen, unter den Oxforder Studenten nur als „Aufsatz-Krise“ bekannt, treibt so manch merkwürdige Blüte: So sieht man auch nachts noch häufig kleine Menschentrauben vor den zahlreichen Dönerbuden in der Stadt stehen – eine kleine Stärkung für den nachts arbeitenden Studenten muss eben schon sein.

Das Tutorien-System hat in Oxford Tradition. Während die Universität schon immer zentrale Vorlesungen für alle Studenten anbot, hatten die einzelnen Colleges der Universität dafür zu sorgen, dass jeder Student sein Fachwissen in Tutorien vertiefen konnte. Auf diese Art wird in Großbritannien sonst nur beim Erzrivalen Cambridge gelehrt, wo die Tutorien „Supervisions“ heißen.

Aufgrund der hohen Anzahl an akademischem Lehrpersonal, das nötig ist, um dieses System aufrecht zu erhalten, verursachen die Tutorien für die beiden Traditionsunis Oxford und Cambridge extreme finanzielle Belastungen. Trotz der mit etwa 4 500 Euro pro Jahr für europäische Studenten recht üppigen Studiengebühren und Regierungszuschüssen ist das Tutorien-System für die Universität und die Colleges immer noch ein Verlustbringer. „Gerade wegen dieser finanziellen Aspekte gibt es hier in Oxford auch gerade eine große Kontroverse um das System“, erklärt Dr. Sara Hobolt, eine dänische Politik-Tutorin am Lincoln College. Und doch ist es unwahrscheinlich, dass die Tutorien wegreformiert werden, denn selbst amerikanische Eliteschmieden wie Stanford, Harvard oder Princeton können nicht mit einem ähnlichen Lehrsystem aufwarten. „Diesen Vorteil sollten wir nicht leichtfertig aufgeben“, ist auch Dr. Hobolt überzeugt.

Hinzukommt, dass die Tutorien auch bei den Lehrenden in Oxford sehr beliebt sind. „Ich halte die Tutorien für eine sehr gute Unterrichtsform, da ein echter Dialog zwischen Studenten und Lehrenden entsteht und sie nicht so eine Einbahnstraße sind wie Vorlesungen“, so die dänische Politikwissenschaftlerin.

In den Tutorien können die Lehrenden sich speziell auf die Bedürfnisse von jedem Einzelnen der über 17.000 Oxforder Studenten einstellen. Trotz der Größe der Uni geht also kein Student in der Masse unter. „Einziger Nachteil des Systems für uns ist, dass bei der zeitaufwändigen Lehre manchmal nur noch wenig Zeit für unsere Forschungsarbeit bleibt“, erklärt Dr. Hobolt stellvertretend für ihre Kollegen. Neben den Tutorien an ihren jeweiligen Colleges haben die meisten Tutoren nämlich auch noch Lehrverpflichtungen an den Fakultäten der Universität, wo sie Vorlesungen in ihrem jeweiligen Fachgebiet halten.

Und doch scheint auch für die Tutoren das Positive des Systems zu überwiegen. So wie bei Tills Lehrmeister: „Unser Tutor bot uns im ersten Tutorium gleich mal ein Glas Rotwein zur Auflockerung der Stimmung an“, schmunzelt der angehende Mathematiker. Das ist eben das wirklich Besondere an Oxford: Wohlige Rotweinatmosphäre und ausgezeichnete Lehre schließen sich nicht aus.



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