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Camp der flinken Zungen

 

Einmal die Woche geht es rund in der Oxford Union, dem Debattier-Club der ehrwürdigen britischen Universität. Dann üben Studenten das gepflegte Streiten mit Politikern, Pornostars und Showmastern. Von Felix Kusch

Ben Tansey ist nervös. "Ich habe über zehn Stunden an meiner Rede gefeilt. Hoffentlich war es nicht umsonst." Der 19-jährige Student der Wirtschaftswissenschaften und Philosophie soll an diesem Abend, zusammen mit dem Chefredakteur der Financial Times und einem weiteren bekannten britischen Journalisten, das kritische studentische Publikum davon überzeugen, dass Großbritannien nicht von Boulevardzeitungen regiert wird. Kein leichtes Unterfangen, denn die Gegenseite ist mit einem als eloquent bekannten Studenten, einem Profi-Politiker und einem telegenen TV-Journalisten auch nicht schlecht bestückt.

Kulisse für die Redeschlacht ist wie immer der historische Debattier-Saal der Oxford Union, in dem sich um die 650 Studenten auf den Bänken drängen. Die Struktur ist einfach: Erst kommen vier der Hauptredner an die Reihe, zwei für jede Seite. Es folgen sechs zweiminütige Spontan-Wortmeldungen aus dem Publikum, an die sich die letzten beiden Hauptredner anschließen. Die Zuhörer haben jederzeit das Recht, den jeweiligen Redner zu unterbrechen und ihm eine Frage zu stellen. Zur Debatte steht eine Resolution, über die am Ende von allen Anwesenden abgestimmt wird: "Dieses Haus glaubt, dass das Land von Boulevardzeitungen regiert wird."

Bereits nach wenigen Minuten wird klar, dass dies keine trockene Veranstaltung ist. Neben dem intellektuellen Schlagabtausch geht es nämlich vor allem darum, das Publikum zu unterhalten. Das gelingt dem ersten Diskutanten des Abends, einem wortgewandten Studenten, ganz hervorragend: Er macht zunächst alle Redner der Gegenseite lächerlich und verspottet Bens Debattenkollegen, den Chefredakteur der konservativen Financial Times, als "Schreiber für eine pinke Publikation". Dem lachenden Publikum gefällt's, und so quittiert der Chefredakteur die Schmähung nur mit einem gequälten Lächeln.

Ben, als zweiter an diesem Abend an der Reihe, steht dem allerdings in nichts nach: Zu Beginn schlägt er eine abenteuerliche Brücke vom angeblichen Sexleben des Präsidenten des Clubs hin zum eigentlichen Thema: "Wenn er morgens mit einem Kater aufwacht und sich immer noch fragt, wer die Frau neben ihm eigentlich ist, erfährt er schon die Nachricht des Tages aus seinem Radiowecker. Richtig, aus dem Radio und nicht aus den Boulevardzeitungen." Die Meute johlt.

Die Beiträge der Profis unterscheiden sich in punkto Qualität kaum von denen der beiden Studenten. Auch die Stehgreifreden aus dem Publikum sind an diesem Abend sehr gut. Bissig und zumeist ohne Skript präsentieren die Studenten selbstbewusst ihre Ansichten. Einziger Wermutstropfen: Nur zwei der Profi-Redner werden durch Zwischenfragen gestört – das Publikum war diesmal gnädig. "Die Gäste hatten heute leichtes Spiel. Wenn das Thema kontroverser gewesen wäre, wäre das Publikum ihnen noch mehr auf die Pelle gerückt", sagt Ben.

Am Ende wird wie gelegentlich im Deutschen Bundestag per Hammelsprung abgestimmt.
Ergebnis: Die Resolution wird klar abgelehnt.

Generell nutzen viele politisch ambitionierte Studenten die Oxford Union als Trainingscamp. Auch viele britische Parlamentarier haben sich hier während ihres Studiums im Reden geübt haben. Deshalb ist es wohl auch kein Wunder, dass die Anordnung der Bänke und der zwei Rednerpulte stark an das britische Unterhaus erinnert.

In ihren Grundzügen sind die Regeln der Union seit ihrer Gründung im Jahr 1823 gleich geblieben. Dies hat der Union schon häufiger den Vorwurf eingebracht, verstaubt und konservativ zu sein, obwohl die Debattenthemen in der Regel aktuell und vor allem vielfältig sind: Mal geht es um den Mittleren Osten, mal um die Existenz von Außerirdischen oder darum, ob nun die Beatles oder Oasis die bessere Musik machen.

Provokation ist bei der Auswahl Trumpf, wie ein Mitglied des Exekutivkomitees der Union erklärt: "Schmusethemen bringen einfach keine hitzigen Diskussionen." Viele Ex-Mitglieder der Debatten-Clubs haben es in verschiedenen Bereichen zu Ruhm gebracht. In ihrer langen Geschichte hatte die Union auch viele berühmte Gastredner. Winston Churchill und die Queen waren schon da, genauso wie Ronald Reagan, Jon Bon Jovi und der Dalai Lama. Sogar zwei Pornodarstellerinnen gaben sich schon die Ehre.

Mitglied der Union kann jeder Student der Uni Oxford werden, der bereit ist, die beachtliche Gebühr von umgerechnet mehr als 200 Euro für die Mitgliedschaft auf Lebenszeit zu entrichten. Dafür bietet der Debattier-Club seinen Mitgliedern allerdings auch einiges: Mit einem Etat von 1,5 Millionen Pfund jährlich und vier festangestellten Mitarbeitern organisiert die Union neben den Generaldebatten noch Debattier-Workshops und schickt jedes Jahr mehrere Teams zu internationalen Debatten-Wettbewerben, bei denen die Oxford-Studenten in der Regel sehr erfolgreich sind. Im Gebäude der Union befinden sich außerdem noch eine gut ausgestattete Bibliothek und ein DVD-Verleih sowie die angeblich billigste Bar Oxfords. In der Regel lassen sich jedes Jahr zwei Drittel aller Neu-Studenten von diesen Argumenten überzeugen und werden Mitglied.

Und Ben? Der ist mit seiner Leistung an diesem Abend zufrieden. "Es hätte schlechter laufen können", kommentiert er mit typisch britischem Understatement.



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