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Die Besten der Besten

 

Auf einem Schloss in Brandenburg kämpfen Elite-Studenten um die raren Stipendien einer Wirtschaftsstiftung. Eine Reportage von Lisa Zimmermann

Das Casting

Ein Winterabend auf Schloss Liebenberg. Das Anwesen nördlich von Berlin könnte gut als Kulisse für eine Champagnerwerbung herhalten: herrschaftlicher Schlossgarten, schmiedeeiserne Schnörkeltore, innen hohe Decken, mit dunklem Holz verkleidete Wände, marmorne Böden. Mehrere Grüppchen unsicher dreinblickender junger Frauen und Männer suchen den Weg zum Aufzug. Rollkoffer kratzen die Flure entlang. Die Studenten unterhalten sich mit gedämpfter Stimme. „Wenn´s nicht klappt, hab ich wenigstens einmal in einem Schloss übernachtet", sagt einer.

Die Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw) sucht auf Schloss Liebenberg in einem zweitägigen Assessment Center, wie Auswahlverfahren in der Unternehmenssprache heißen, nach der künftigen studentischen Elite, die sie in ihr Förderprogramm aufnehmen wird. Die sdw ist eine wirtschaftsnahe Stiftung, getragen von Unternehmen und Unternehmensverbänden. 34 Kandidaten sind im Laufe des Tages aus ganz Deutschland angereist. Während der Vorstellungsrunde im riesigen Sitzungssaal wird eines schnell klar: Wer es hierhin geschafft hat, der bastelt schon seit der Schulzeit am perfekten Lebenslauf. Wer hier sitzt, dem sind seine Kumpels nicht einfach wichtig, sondern der spricht von „Freunden, die mich bereichern und die ich bereichere."
Die Stiftung

Eine Jury wird in den kommenden zwei Tagen die Kandidaten, alle im zweiten bis vierten Fachsemester, mit insgesamt vier Aufgaben auf ihre Tauglichkeit überprüfen. Nur wer in den beiden Hauptkriterien „gesellschaftliches Engagement" und „Zielstrebigkeit" brilliert, wird es in die Studienförderung schaffen. Horst Schönhoff kommt jedes Jahr als Jurymitglied nach Schloss Liebenberg. Er trägt sein Haar in silbernen Wellen und einen Blazer mit Goldknöpfen. Eigentlich leitet er die Personalabteilung einer Düsseldorfer Unternehmensberatung. „Kassenwart beim heimischen Fußballverein zu sein reicht nicht. Eher sollte man die aktive Mitarbeit im Studentenparlament parat haben", sagt er. Weitere Kriterien sind Gestaltungswille und eine unternehmerische Grundhaltung.

Alle Kandidaten haben bereits ein Gespräch mit einem der Vertrauensdozenten der sdw an ihrer Uni hinter sich gebracht und sind von ihnen empfohlen worden. 1500 Leute bewerben sich jedes Jahr, nur jeder Fünfte wird am Ende in die Studienförderung aufgenommen. Den Studenten winkt bis zum Ende ihrer Regelstudienzeit eine monatliche Förderung von bis zu 605 Euro und zusätzliche Unterstützung bei Auslandsaufenthalten. Für die spätere Karriere entscheidend ist aber vor allem die intensive inhaltliche Förderung. Die Stipendiaten werden Teil eines Netzwerks. Enge Kontakte zu Wirtschaftsvertretern sollen bei der späteren Karriere helfen. Unternehmensvorstände halten „Dinner Speeches" vor den Stipendiaten. Die Stiftung bietet jedes Jahr über hundert Veranstaltungen, die natürlich nicht nur dröge ´Veranstaltung´ heißen, sondern Trainings, Workshops, Akademien und Dialogforen.

Die Kandidaten

Jan lächelt nicht. Schon nach wenigen Sätzen merkt man, dass sein Alltag wenig mit dem unbeschwerten Party-Unischwänzen-Party-Rhythmus mancher Anfangssemester zu tun hat. Er trägt eine dunkle Brille mit eckigem Gestell und ein etwas zu großes Nadelstreifenjackett über dem schwarzen Hemd. Jan ist 20 und studiert Kommunikationswissenschaften in Erfurt. Bis zum Ende des Semesters will er vier Hausarbeiten schreiben, denn in den Semesterfeien beginnt für ihn bereits das Auslandssemester in Estland. In den letzten Semesterferien hat er an einer Summer School in Ankara teilgenommen. Er möchte nach dem Studium nach Brüssel, „in den EU-Apparat rein". Ein internationales Netzwerk und der Ausbau von interkultureller Kompetenz können da nicht schaden – beides erwartet er sich von einer Aufnahme in das Förderprogramm der Stiftung. Gerade haben alle Kandidaten die erste Prüfung hinter sich gebracht, einen Aufsatz zum Thema Lehrermangel, auf maximal einem DIN A4-Blatt. Nun wartet Jan mit den drei anderen aus seiner Gruppe an einem Bistrotisch auf die zweite Aufgabe, die Gruppenarbeit: Mit Jens, 22, der vorhin erzählt hat, dass sein Lebenslauf bereits einen Knick bekommen habe, weil er nach drei Semestern sein Mathematikstudium abgebrochen und mit Elektrotechnik angefangen hat. „Nach diesem Bruch muss es jetzt gerade laufen", sagt er und lächelt ein bisschen verlegen. Mit Sebastian, 22, Elektrotechnikstudent, der breites Badisch spricht und die Hände in den Hosentaschen vergraben hat. Und mit Maren, 21, groß und blass, ebenfalls Elektrotechnikstudentin. Sie holt hörbar Luft und starrt auf die Tür.

Die Herausforderungen

Horst Schönhoff bittet die Kandidaten in einen neonerleuchteten Raum. Jeder soll einen Vorschlag für einen imaginären Projektwettbewerb erarbeiten. In der nächsten Stunde werden die vier das Kunststück versuchen, zum einen ihren Projektvorschlag durchzuboxen, andererseits den Teamplayer zu geben. Jan fordert Bildung, „damit Deutschland zukunftsfähig bleibt". Alle vier Stimmen zittern ein bisschen, wie das eben ist, wenn man vor Nervosität nicht genug Luft holt. Am Ende ist es Jan, dessen Vorschlag ausgewählt wird. Er ist rot im Gesicht. Beim Abendessen erzählt Jan: Seit der siebten Klasse ist er Klassensprecher, Schülersprecher und Initiator einer Jungwählerkampagne bei den Kommunalwahlen 2004 in Nordrhein-Westfalen gewesen. „Es ist doch langweilig, nichts zu machen", sagt er. Aber ein wenig belastet ihn das Streben nach dem perfekten Lebenslauf doch. „Es wäre so schön, diese Stimme im Hinterkopf einfach mal auszublenden", sagt er. Die Stimme, die ihm ständig einflüstert, dass er noch alles Mögliche machen sollte, hier noch engagieren, dort noch ein Praktikum. Mal ein Aufenthalt in einem anderen Land, der einfach nur Urlaub ist – danach sehnt sich Jan schon ein bisschen.

Am nächsten Tag werden die Kandidaten ab morgens um acht zum halbstündigen Einzelgespräch gebeten. Horst Schönhoff fragt nach dem Grund der Bewerbung bei der sdw, nach dem gesellschaftlichen Engagement, nach Auslandsaufenthalten, nach dem Studium. Bei den Gesprächen zeigt sich, dass von den Kandidaten, alle erst Anfang 20, nicht jeder in das Bild vom perfekten Karrieristen passt. Schönhoff schafft es, da, wo er Lücken vermutet, nett nachzufragen, ohne dass es alarmierend klingt. Sebastian ist noch nie aus seiner badischen Heimat herausgekommen. Vielleicht wolle er ja zum Diplomarbeitschreiben ins Ausland, schlägt Schönhoff vor. Nö, das sei nichts für ihn. „Das müsste dann auch auf Englisch sein, da wäre kompliziert." Ein gesellschaftspolitisches Thema, das ihn zuletzt bewegt hat, will Dr. Schönhoff von ihm hören. Sebastian windet sich, druckst, ihm fällt nichts ein. „Also was mich stört ist diese Gesundheitssache, diese Praxisgebühr nervt unendlich", sagt er schließlich. Schönhoff verzieht keine Miene und nickt.

Die Entscheidung

Am Ende steht das „Feedback-Gespräch" – in dem die die vier allerdings nicht erfahren, ob sie es geschafft haben. Horst Schönhoff gibt allen Kandidaten eine positive Rückmeldung. Er glaubt, die Kandidaten würden zwischen den Zeilen lesen. „Frankreich ist, ich weiß nicht, zehn, zwanzig Kilometer entfernt?", formuliert er beim Abschlussgespräch mit Sebastian freundlich. Sebastian lächelt gequält. Zu Jan sagt er: „Für ihr Alter sind Sie extrem reif. Seien Sie nicht immer so beherrscht. Lassen Sie auch mal den Menschen durchscheinen."

In etwa drei Wochen kommt der ersehnte Brief, mit dem die Kandidaten erfahren, ob sie in die Stiftung aufgenommen werden. Von den vier Kandidaten aus Horst Schönhoffs Gruppe wird es nur Jan schaffen. Den anderen bleibt die Arbeit am perfekten Lebenslauf.



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